Vortrag zum Thema "Legasthenie / LRS / Dyskalkulie

Text zum Vortrag “Legasthenie/LRS/Dyskalkulie“ von

Dr. Astrid Kopp-Duller © 2010 http://www.Vortrag.org

FOLIE 1

Herzlich willkommen bei dem Vortrag zum Thema „Legasthenie/LRS/Dyskalkulie“, der Ihnen vom ErstenÖsterreichischen Dachverband Legasthenie gewidmet wird.

FOLIE 3

Von einer Legasthenie spricht man, wenn sich bei Kindern beim Erlernen des Schreibens und Lesens Probleme ergeben, welche durch differente Sinneswahrnehmungen hervorgerufen werden. Daraus folgt eine zeitweise Unaufmerksamkeit beim Schreiben, Lesen – man spricht dann von einer Legasthenie - und Rechnen - man spricht dann von Dyskalkulie - die wiederum zu Wahrnehmungsfehlern führt.

FOLIE 4

“Ein legasthener Mensch, bei guter oder durchschnittlicher Intelligenz, nimmt seine Umwelt differenziert anders wahr, seine Aufmerksamkeit lässt, wenn er auf Symbole, wie Buchstaben oder Zahlen trifft, nach, da er sie durch seine differenzierten Teilleistungen anders empfindet als nicht legasthene Menschen, dadurch ergeben sich Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens, Schreibens oder Rechnens.“ Diese pädagogische Definition von Frau Dr. Astrid Kopp - Duller aus dem Jahre 1995 unterstreicht die vorherige Erklärung. Unbedingt muss darauf hinweisen werden, dass Probleme beim Erlernen des Schreibens, Lesens und/oder Rechnens, absolut nichts mit der Intelligenz des Betroffenen zu tun hat, sondern lediglich mit seinen anders ausgeprägten Sinneswahrnehmungen. Die Meinung, dass ein Mensch, der gut Schreiben, Lesen und Rechnen kann intelligent ist, hat in unserer Gesellschaft eine starke Verbreitung. Man sollte aber endlich einsehen, dass die eingebürgerte Meinung, wie: „Ein Mensch, der lesen, schreiben und rechnen kann, ist intelligent, der aber Schwierigkeiten damit hat, dumm“, zu keiner Zeit den Tatsachen entsprochen hat und davon Abstand nehmen. Alleine die Tatsache, dass es kaum Menschen gibt, welche die deutsche Orthografie bis ins kleinste Detail kennen und stets Fehler machen, sollte zum Nachdenken anregen.

FOLIE 5

Legasthenie und Dyskalkulie sind im Menschen vorhandene genbedingte, durch Vererbung weitergegebene Veranlagungen. Durch gengesteuerte Entwicklungsprozesse im Gehirn werden die Sinneswahrnehmungen beeinflusst. Dies haben wissenschaftliche Forschungen bewiesen. Neuere Forschungen weisen darauf hin, dass eine Legasthenie zu einem großen Teil biogenetisch bedingt ist. Bisher wurden sechs Regionen auf den Chromosomen 1, 2, 3, 6, 15 und 18 identifiziert, die die Lese- und Rechtschreibfähigkeit indirekt beeinflussen. Diese Erbinformationen, welche differente Sinneswahrnehmungen verursachen, machen legasthenen Menschen Probleme beim Erlernen des Schreibens, Lesens und/oder Rechnens.
Es ist sehr wichtig, ein Ursachenverständnis zu entwickeln und zu erkennen, welche Bedeutung Zusatzfaktoren haben können und wie sie die Primärlegasthenie – zu der wir noch kommen werden -mit beeinflussen.

FOLIE 6

Schon im Vorschulalter kann man eine Legasthenie/Dyskalkulie vermuten, wenn sich einige der folgenden beschriebenen Symptome zeigen, z.B. eine verkürzte Krabbelphase, ein verspäteter Sprachbeginn oder Gehbeginn, auffällig gute oder schlechte Tage, das Kind fällt über Dinge, die gar nicht da sind, ist ungeschickt mit Messer und Gabel oder beim Maschenbinden, hat Schwierigkeiten beim Erlernen von Sportarten, verwechselt richtungsweisende Bezeichnungen, zeigt offensichtlich ein schnelleres Denken als Handeln, verwechselt Begriffe, hat Schwierigkeiten mit der Bezeichnung von Farben oder erfindet Worte.

FOLIE 7

Zahlreiche legasthene Kinder zeigen schon im Vorschulalter zumeist kein Interesse an Symbolen, genießen das Vorlesen, haben wenig Interesse an Kinderreimen oder Kinderliedern, können Rhythmen nicht nachklopfen, zeigen wenig Interesse an Memoryspielen, können Reihen schlecht nachvollziehen, haben aber auch Orientierungsprobleme, malen über den Rand und haben eine „eigene Ordnung“. Hingegen sind sie in Alltagssituationen auffallend wach und interessiert, haben ein hohe Merkfähigkeit, eine hohe Kreativität und ein hohes technisches Verständnis und lieben z.B. Konstruktionsspiele. All diese erwähnten Symptome, die unmittelbar mit Sinnesleistungen zusammenhängen, können, müssen aber nicht Anzeichen für eine vorhandene Legasthenie sein. Eine eindeutige Feststellung, ob ein Kind legasthen/dyskalkul ist, kann erst im Schulalter, wenn das Kind mit Buchstaben/Zahlen in Berührung kommt, durchgeführt werden.

FOLIE 8

Kommt es bei offensichtlich intelligenten Kindern völlig unerwartet zu Schwierigkeiten beim Erlernen des Schreibens, Lesens und/oder Rechnens (Dyskalkulie), so sollte man auch eine mögliche Legasthenie/Dyskalkulie in Betracht ziehen und vorerst Beobachtungen tätigen. Grundsätzlich zeigt sich bei legasthenen/dyskalkulen Kindern eine auffällige zeitweise Unaufmerksamkeit, wenn sie schreiben,
lesen oder rechen, also mit Buchstaben oder Zahlen in Verbindung kommen. Sonst zeigen sie eine gute Aufmerksamkeit bei Tätigkeiten die sie interessieren. Es werden insgesamt allerlei Schwierigkeiten mit Buchstaben, Wörtern oder Zahlen beobachtet.
An der zeitweisen Unaufmerksamkeit beim Schreiben, Lesen und/oder Rechnen sind differente Sinneswahrnehmungen – dazu aber noch später - beteiligt.

FOLIE 9

Es gibt verschiedene Gründe, die zu Problemen beim Schreiben, Lesen und/oder Rechnen führen, deshalb muss man auch verschiedene Arten und Formen unterscheiden. Bei einer Legasthenie, auch spezielle Lese-Rechtschreibschwäche genannt und/oder Dyskalkulie, handelt es sich um eine biogenetische Anlage im Menschen, die ein Leben lang vorhanden ist und lediglich führt ein spezielles Training im Schreib-, Lese- und Rechenbereich zu Erfolgen. Dagegen ist die Lese- Rechtschreibschwäche eine erworbene, zumeist auch vorübergehende Problematik, die durch psychische oder physische Ereignisse hervorgerufen werden kann. Die Unterscheidung der Legasthenie und der Lese-Rechtschreibschwäche ist deshalb von größter Wichtigkeit, weil die Förderungen und Interventionen, die in beiden Bereichen stattfinden sollten, unterschiedlich sein müssen.
Bei der Förderung eines legasthenen/dyskalkulen Menschen genügt es nicht, nur im Schreib-, Lese- und Rechenbereich zu arbeiten, sondern man muss unbedingt auch Interventionen zur Schärfung der Sinneswahrnehmungen -die man für das Schreiben, Lesen und Rechnen benötigt -und auch eine Verbesserung der Aufmerksamkeit - das Zusammenführen des Denkens und Handeln - anstreben. Beim LRS-Kind genügt es zumeist, wenn die Ereignisse, welche die LRS hervorgerufen haben, in geregelte
Bahnen geleitet worden sind und ein ausgiebiges Training im Symptombereich stattfindet, damit sich Verbesserungen einstellen.

FOLIE 10


Von einer Primärlegasthenie spricht man, wenn sich beim Erlernen des Schreibens oder Lesens Schwierigkeiten ergeben, die biogenetische Ursachen haben. Spezielle Förderungen müssen im pädagogisch-didaktischen Bereich erfolgen.

FOLIE 11

Von einer Sekundärlegasthenie spricht man, wenn sich zu den oben genannten Schwierigkeiten - das können schon vorhandene oder durch das Nichterkennen der Legasthenie und die unterlassene Hilfestellung erworbene sein -psychische oder physische Probleme dazugesellen. Zu den speziellen Förderungen im pädagogisch-didaktischen Bereich müssen individuell Interventionen durch den Psychologen, Mediziner, Ergotherapeuten, Logopäden, etc. erfolgen.

FOLIE 12

Es ist sehr vermessen bei Kindern mit einer Primärlegasthenie von Schwäche, Störung, Behinderung oder Krankheit zu sprechen. Diese Gruppe von Menschen, man schätzt sie auf ca. 15% der Gesamtpopulation unserer Erde, benötigen lediglich, dass man ihnen einen speziellen Zugang zu den Kulturtechniken zeigt.

D.h. sie brauchen pädagogisch-didaktische Ansätze, die ihnen helfen mit Symbolen, wie Buchstaben oder Zahlen besser umgehen zu können. Man kann eine Legasthenie mit spezieller Förderung sehr gut überwinden, tatsächlich bleibt sie aber ein Leben lang bestehen. Da Legastheniker nicht immer nur auf Menschen treffen, von denen sie verstanden werden, müssen sie lernen, viel Toleranz gegenüber ihrer Umwelt aufzubringen und sehr oft Unwissenden ihr manchmal ungerechtes Verhalten verzeihen. FOLIE 13

Ein Training sollte nicht ohne vorher erfolgtes Feststellungsverfahren begonnen werden. Wertvolle Hinweise auf die Probleme des jeweiligen Kindes können aus der Beobachtung gewonnen werden. Man kann aber auch das pädagogische AFS-Testverfahren benützen. Ausschließlich diplomierte Legasthenietrainer sind berechtigt dieses zu verwenden. Im Rahmen dieses Testverfahrens muss auch eine Fehleranalyse erstellt werden. Sollte für die Analyse kein ausreichendes Material – etwa Ansagen, die das Kind über einen längeren Zeitraum geschrieben hat – vorhanden sein, so kann auch ein Lese-/ Rechtschreibtest durchgeführt werden. In der Praxis hat sich aber schon oft gezeigt, dass bei legasthenen Kindern LRS-Tests keine verlässliche Aussagekraft besitzen, weil die Leistungen im Schreib-und Lesebereich sehr stark von der jeweiligen Verfassung abhängen. So geschieht es nicht selten, dass legasthene Kinder den gleichen LRS-Test heute nahezu fehlerlos schreiben und am nächsten Tag ungleich viele Fehler machen. Lese-/Rechtschreibtests geben andererseits bei LRS-Kindern bessere Anhaltspunkte. Nach der erfolgten Feststellung kann der Trainer einen ersten Trainingsplan für ein individuelles Training erstellen

FOLIE 14

Da Legasthenie lediglich von der WHO im ICD 10 als Krankheit definiert wird, aber keine Krankenkasse irgendeine Förderung auf pädagogisch-didaktischer Ebene bezahlt, sollte man davon Abstand nehmen – wie schon besprochen - dass man im Zusammenhang mit einer Primärlegasthenie, von der die meisten Kinder betroffen sind, von Krankheit, Störung, Schwäche oder gar Behinderung spricht, um einen definitiven Widerspruch zu verhindern. Deshalb ist auch ein Wort wie Heilmethoden oder Therapie in diesem Zusammenhang nicht angebracht. In erster Linie fällt die Legasthenie in den Bereich des Pädagogen, sprich des Lehrers. Hier sollte das legasthene Kind, welches lediglich unter einer Primärlegasthenie leidet, ausreichende Hilfe bekommen. Wird die Legasthenie als solche aber zu spät erkannt und kommen bereits psychische Faktoren ins Spiel - dies kann auch durch schon vorhandene andere Sekundärproblematiken passieren - oder kommen anderweitige physische Probleme dazu, so spricht man von einer Sekundärlegasthenie. Diese ist

schließlich auch von zusätzlichen Interventionen durch den Psychologen oder Mediziner geprägt. Die multiaxiale Diagnostik wird nicht bei jedem Kind, welches Probleme beim Schreiben, Lesen und/oder Rechnen aufweist, notwendig werden. Auf der pädagogischen Ebene muss entschieden werden, ob im vorliegenden Fall andere Spezialisten noch hinzugezogen werden müssen. Vielfach wird aber eine multiaxiale Diagnostik verlangt, wenn staatliche Förderungen beansprucht werden. Leider werden zu viele legasthene Kinder erst erkannt, wenn sie schon emotionale Probleme zeigen. Manche Kinder beginnen durch die Überforderung in der Schule eigenartige Verhaltensweisen an den Tag zu legen, die zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht als krankhaft bezeichnet werden können. Sie reagieren mitunter unaufmerksam und unruhig. Schnell wird der falsche Schluss gezogen, die Kinder haben durch ihr Verhalten Schwierigkeiten mit dem Schreiben und Lesen. Tatsächlich vollzieht sich der Vorgang genau umgekehrt. Durch die Überforderung in der Schule und ihre besonderen pädagogisch- didaktischen Ansprüche, das Schreiben und Lesen zu erlernen, die aber nicht erfüllt werden, zeigen sie ein eigenwilliges Verhalten. Leider denkt in dieser Situation zu selten jemand daran, dem Kind die von ihm benötigten pädagogisch-didaktischen Anforderungen zu erfüllen, sondern sie werden zum Arzt oder Psychologen gebracht. Da es in keinster Weise einheitliche Feststellungsrichtlinien auf psychologischer oder medizinischer Ebene gibt, die auch pädagogische Aspekte beinhalten würden, so beginnt für viele legasthene Kinder ein endloser Weg, der von zahlreichen Therapien begleitet wird. Tatsächlich bekommen manche aber nie auch den pädagogisch-didaktischen Ansatz, den sie dringend benötigen würden. Der umfassende Erfolg bleibt ihnen schließlich auch versagt. Daraus ergibt sich auch sehr oft der niedrige Schulabschluss, der in keinem Verhältnis zu den kognitiven Fähigkeiten des Kindes steht.

FOLIE 15

Da das Problem der Legasthenie individuell und unterschiedlich ist, so muss auch die Förderung und Hilfe vielschichtig sein. Es gibt keine in sich abgeschlossene Methode, die in jedem Fall zum Erfolg führt! Wichtig ist, dass die Förderung nicht einseitig durch Üben am Symptom, d.h. durch alleiniges verstärktes Schreib- und Lesenüben passiert, sondern dass Interventionen zur Schärfung der Sinneswahrnehmungen und Stärkung der Aufmerksamkeit unternommen werden. Das ist die Grundlage des Erfolgs. Diplomierte Legasthenietrainer stützen ihre Arbeit hauptsächlich auf die AFS-Methode, die alle Bereiche trainiert, in denen das legasthene Kind mit einer Primärlegasthenie Schwierigkeiten hat. Die AFS-Methode ist eine völlig offene Methode. Jedes Programm, jedes Konzept, welches zu Verbesserungen der Leistungen bei legasthenen Kindern führt, kann integriert werden, solange die Grundzüge - Schärfung der Sinneswahrnehmungen, Verbesserung der Aufmerksamkeit beim Schreiben und Lesen und ein spezielles Symptomtraining - gewahrt bleiben. Die Erklärung des Aufmerksamkeitstrainings und warum es so wichtig ist, dass man lernt seine Gedanken immer wieder zum Schreiben, Lesen oder Rechnen zurückzubringen und sie dort auch zu halten, sollte die erste Hilfe sein, die dem Betroffenen zuteil wird. Alleine dadurch kann es schon zu Verbesserungen kommen. Durch das Unvermögen, die Gedanken nicht beim Schreiben, Lesen und/oder Rechnen halten zu können, beginnen manche Kinder Auffälligkeiten zu zeigen. Sie werden mitunter unruhig.

FOLIE 16

Häufig werden die Begleitsymptome einer Legasthenie, wie die Unaufmerksamkeit oder die Unruhe, als Krankheitsbilder gedeutet. Tatsächlich ist die Unaufmerksamkeit legasthener Kinder beim Schreiben und Lesen ein Ausdruck dafür, dass sie mit der angebotenen Methode nicht das Auslangen finden. Manchmal wird sie noch begleitet von einer Unruhe, die auch nur Ausdruck dafür ist, nicht das leisten zu können, was verlangt wird. Diese Begleitsymptome treten erst mit Schulbeginn oder später auf. Natürlich kann man aber nicht generell ausschließen, dass auch einige legasthene Kinder noch zusätzlich die echten Krankheitsbilder der Konzentrationsschwäche und der Hyperaktivität aufweisen. Beide zeigen sich aber zumeist schon vor Schulbeginn.

FOLIE 17

Auch als Nichtbetroffener sollte man sich eine Vorstellung machen können, wie manche legasthene Menschen zeitweise sehen, wenn sie lesen. Deshalb haben Wissenschaftler versucht dies sichtbar zu machen. Man unterscheidet verschiedene Formen. Hier einige Beispiele. Betrachtet man nun diese, so wird klar und man versteht, warum manche legasthene Kinder beim Lesen darüber klagen, dass sie Kopfschmerzen haben, die Buchstaben springen, ihnen schwindlig wird, etc.

FOLIE 21

Ein wesentlicher Faktor für das erfolgreiche Training ist die Verbesserung der Sinneswahrnehmungen, die man für den Schreib-, Lese- und Rechenerlernprozess benötigt. In diesem Bereich muss an den zuvor festgestellten differenten Sinneswahrnehmungen ein gezieltes Training erfolgen.

FOLIE 22

Es gibt drei Bereiche der Funktionen, die wiederum zu unterteilen sind:

Die OPTISCHE DIFFERENZIERUNG – HERAUSERKENNEN/UNTERSCHEIDEN Das OPTISCHES GEDÄCHTNIS – GESEHENES MERKEN Die OPTISCHE SERIALITÄT – OPTISCHE SERIEN Die AKUSTISCHE DIFFERENZIERUNG – HERAUSHÖREN/UNTERSCHEIDEN Das AKUSTISCHES GEDÄCHTNIS – GEHÖRTES MERKEN Die AKUSTISCHE SERIALITÄT – AKUSTISCHE SERIEN Die RAUMORIENTIERUNG – RAUM- UND ZEITWAHRNEHMUNG Die KÖRPERWAHRNEHMUNG – KÖRPERSCHEMA – KÖRPERBEWUSSTSEIN

Zumeist sind legasthene/dyskalkule Menschen nicht in allen Bereichen betroffen. Doch auch nur ein differenter Sinneswahrnehmungsbereich genügt, damit das Erlernen des Schreibens, Lesens und/oder Rechnens mit Komplikationen verbunden sein kann. Das einwandfreie Funktionieren dieser Sinneswahrnehmungen unterstützt den Schreib-, Lese- und Rechenerlernprozess.

FOLIE 23

Hier ein Textbeispiel, welches von einem legasthenen Kind geschrieben worden ist. Sämtliche Fehlerarten, die bei legasthenen Menschen auch als Wahrnehmungsfehler bezeichnet werden, kann man hier finden. Harte/weiche Konsonantenverwechslung, Dehnungs- und Schärfungsfehler, fehlerhafte Groß- und Kleinschreibung, Wortdurchgliederung, und so weiter. Wahrnehmungsfehler entstehen durch die momentane, zum Zeitpunkt des Schreibens oder Lesens differenzierte Wahrnehmung. Der legasthene Mensch hat durch seine differenzierte Wahrnehmung beim Schreiben und Lesen Probleme, seine Gedanken und das gleichzeitige Handeln in Einklang zu bringen, was auch oftmals falsch gedeutet wird. Dies wurde aber vorher im Zusammenhang mit den Begleiterscheinungen schon besprochen.

FOLIE 24

Weil die Fehler beim Schreiben und Lesen lediglich die Symptome einer Legasthenie sind, aber nicht dieUrsache, genügt das isolierte Üben am Symptom nicht. Bei LRS-Kindern ist es – wie schon erwähnt - eine erworbene Schreib- und Leseproblematik. So ist erfahrungsgemäß der Erfolg ziemlich unergiebig, wenn man mit legasthenen Kindern nur an den Symptomen, jedoch nicht an den Ursachen, an den differenten Sinneswahrnehmungen, arbeitet. Dafür entsteht aber beim Kind viel Frust, weil die Erfolge ausbleiben. Dennoch muss aber ein Teil des guten Legasthenietrainings auch im Symptombereich passieren. Manchmal muss ein Training im Symptombereich sehr basal, mit der gründlichen und anschaulichen Erarbeitung der Buchstaben beginnen.

Die Worterarbeitung setzt sich aus drei wesentlichen Schritten zusammen: Zuerst erfolgt die Erarbeitung des Wortbildes. Dabei soll dem Kind ermöglicht werden, sich das zu erarbeitende Wort bildlich und dreidimensional einzuprägen. Es folgt die Erarbeitung des Wortklanges. Dem Kind soll die Lautzusammensetzung des Wortes bewusst gemacht werden. Für legasthene Menschen ist es sehr wichtig, auch die Wortbedeutung – es muss eine genaue Erklärung des zu erarbeitenden Wortes durch den Trainer erfolgen - zu erfassen, weil es dadurch im Zusammenhang mit der Erarbeitung des Wortbildes und des Wortklanges zu einer Abspeicherung im Langzeitgedächtnis kommt. Bei der Erarbeitung des Wortbildes können die verschiedensten Hilfsmittel herangezogen werden.

FOLIE 25

Für einen Laien ist es tatsächlich ein wenig schwierig eine Unterscheidung zu treffen, weil sich beide Gruppen, so wie sie sich in schriftlichen Arbeiten zeigen, sehr ähnlich sind. Wahrnehmungsfehler entstehen, wie schon der Name sagt, durch die differenten Sinneswahrnehmungen des legasthenen Menschen im Moment, wenn das Wort geschrieben oder gelesen wird. Wahrnehmungsfehler passieren zumeist bei schon häufig verwendeten, sogenannten „leichten“ und bekannten Wörtern. Als Wahrnehmungsfehler bezeichnet man auch, wenn ein Wort im Text unterschiedlich geschrieben wird. Ein Merkmal, dass der Betroffene Wahrnehmungsfehler macht, ist auch, dass schwierige Wörter nahezu mühelos geschrieben werden. Rechtschreibfehler entstehen entweder aus mangelndem Regelwissen oder überhaupt wegen der Unkenntnis des Wortes.

FOLIE 26

Als Dyskalkulie bezeichnet man Schwierigkeiten der Kinder im Umgang mit Zahlen, Zahlenräumen und Grundrechenoperationen. Die Verursachung liegt noch weitgehend im Ungewissen, weil sich die Forschung noch nicht sehr lange mit dieser Problematik beschäftigt. Man nimmt aber an, dass diese ähnliche Ursachen wie die Legasthenie hat. Es gibt Menschen, die sowohl im Schreib-, Lesebereiche als auch im Rechenbereich betroffen sind, es gibt aber auch die isolierte Legasthenie oder isolierte Dyskalkulie. Auch bei einer vorhandenen Dyskalkulie muss eine stetige Motivation, die Steigerung der Aufmerksamkeit beim Rechnen und die Verbesserung der Sinneswahrnehmungen stattfinden. Damit aber langfristige Erfolge erzielt werden können, ist auch ein spezielles Training in der Symptomatik wichtig. In manchen Fällen muss ein Dyskalkulietraining sehr basal beginnen. Eine spezielle und anschauliche Erarbeitung der Zahlensymbole, also der Zahlen – die ja nur als Symbol für eine Menge stehen – und die Basis aller mathematischen Operationen – das Zählen – muss ausgiebig geübt werden. Letztendlich die spezielle und anschauliche Erarbeitung der Grundrechenarten.

FOLIE 27

Es gibt Möglichkeiten für LehrerInnen in der Schule, Betroffene zu unterstützen, indem sie vorhandene gesetzliche Gegebenheiten zur Anwendung bringen. In Deutschland hat jedes Bundesland seine eigenen Gesetze, die die Beurteilung von legasthenen/LRS/dyskalkulen Schülern regelt. In Österreich ist besonders der für alle Schüler gültige § 16(1) der Leistungsbeurteilung für den wohlwollenden Lehrer eine Grundlage bei der Beurteilung von schriftlichen Arbeiten legasthener Kinder. Er ermöglicht auch bei mangelnder Schreibrichtigkeit eine positive Gesamtbeurteilung. Die Anwendung dieser Möglichkeit sollte aber die spezielle Förderung des Betroffenen und die damit verbundene stetige Verbesserung der Richtigschreibung, auch durch die Eltern oder durch einen Spezialisten, voraussetzen.

FOLIE 28

Hier finden Sie wichtige Internetadressen, wo Sie zahlreiche wissenswerte Informationen zur Thematik erhalten.

FOLIE 29

Man kann eine Legasthenie mit spezieller Förderung sehr gut überwinden, tatsächlich bleibt sie aber ein Leben lang bestehen. Da Legastheniker nicht immer nur auf Menschen treffen, von denen sie verstanden werden, müssen sie lernen, viel Toleranz gegenüber ihrer Umwelt aufzubringen und sehr oft Unwissenden ihr manchmal ungerechtes Verhalten verzeihen. Es ist für jeden Betroffenen von großer Bedeutung und Hilfe, wenn man ihm seine Stärken, seine besonderen Begabungen vor Augen führt und ihn auch für geringe Fortschritte lobt. Wichtig ist es auch, ihm genügend Zeit für seine Tätigkeiten im Symbolbereich, also im Zusammenhang mit dem Schreiben, Lesen und Rechnen zu geben.Nicht nur das rechtzeitige Erkennen der Legasthenie und die individuelle Förderung sind Voraussetzungen für den angestrebten Erfolg, sondern von größter Wichtigkeit ist es, dass das legasthene Kind in seiner Umgebung auf weitreichendes Interesse, Einfühlungsvermögen und Verständnis für seine Problematik trifft. Wenn dies durch den heutigen Vortrag erreicht werden konnte und das Bewusstsein dafür geschaffen worden ist, dass ein legasthener/dyskalkuler Mensch, der durch seine Problematik bedingt ein sehr empfindsames verletzliches Wesen ist, welches all unser Verständnis, aber auch spezielle Hilfe benötigt, dann ist ein großer Schritt getan worden.

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